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10.04.2014

Katastrophenmedizin für Medizinstudenten

Aus- und Fortbildung: Am Universitätsklinikum Regensburg ließen sich Anfang April wieder 19 Studierende der Medizin in Theorie und Praxis der Katastrophenmedizin ausbilden. Organisiert wurde die Lehrveranstaltung von der Klinik für Anästhesiologie.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvierten in vier Tagen zahlreiche Vorlesungen und vor allem praktische Übungen zum Massenanfall von Verletzten, zur Dekontamination bei CBRN-Lagen und zum Katastrophenmanagement im Krankenhaus. Auch eine praktische Sichtungsübung stand auf dem Plan.

"Die Gruppe hat großes Engagement an den Tag gelegt und die Herausforderungen des Kurses problemlos gemeistert. Das hat sich auch zum Abschluss in den hervorragenden Prüfungsergebnissen gezeigt" lobt Kursleiter Dr. Michael Dittmar.

Seit 2009 bietet das Uniklinikum in Regensburg den bundesweit beachteten Studentenkurs in Katastrophenmedizin an. Auf diesem Wege wurden bereits insgesamt 80 angehenden Medizinerinnen und Medizinern die Grundlagen ärztlichen Handelns im Katastrophenfall vermittelt.

Neben der Klinik für Anästhesiologie sind an der Lehrveranstaltung noch zahlreiche weitere Abteilungen beteiligt, wie etwa Unfallchirurgie, Notaufnahme, Mikrobiologie und das Studiendekanat. Von außerhalb des Klinikums wird die Veranstaltung von Referenten der Bundeswehr, des Kriseninterventionsteams Regensburg und der Feuerwehr Pentling aktiv unterstützt.

Verwandte Beiträge:
- Studentenkurs Katastrophenmedizin im Bayer. Fernsehen (22.07.2012)
- Studentische Ausbildung in Katastrophenmedizin in Regensburg (02.01.2010)
- Alle Beiträge der Rubrik Aus- und Fortbildung

04.01.2014

Amberg-Schwandorf-Algorithmus für die Vorsichtung (ASAV) in der Zeitschrift "Notarzt" veröffentlicht

MANV: Das im Rettungsdienstbereich Amberg entwickelte Einsatzkonzept für den Massenanfall von Verletzten wurde in der Dezember-Ausgabe 2013 der Zeitschrift "Der Notarzt" veröffentlicht.

Eine interdisziplinäre Projektgruppe unter Leitung der ÄLRD hatte den Amberg-Schwandorf-Algorithmus für die Vorsichtung (ASAV) in den Jahren 2011 und 2012 begleitet von einem taktischen Einsatzkonzept für die frühe Einsatzphase entwickelt. Im vergangenen Jahr fanden Schulungen und eine wissenschaftliche Evaluation statt, deren Ergebnisse bereits 2013 vorab auf dem Kongress der DIVI in Leipzig präsentiert wurden.

Quelle:
- Dittmar M, Bigalke M, Brunner A, Hannewald W, Honig D, Honig M, Kiener W, Kopf HD, Schmidt T, Seeliger J, Birkholz T. Ein regional angepasstes Vorgehen zur Vorsichtung und Sichtungskennzeichnung beim Massenanfall von Verletzten: Das Amberg-Schwandorf-Konzept. Notarzt 29 (2013) 253-259
- Wolf P, Birkholz T, Bigalke M, Graf BM, DittmarMS. Evaluation des Amberg-Schwandorf-Algorithmus für die Vorsichtung (ASAV). Poster P/05/01 beim 13. Kongress der DIVI 2013. Abstractband.

Weitere Infos:
- Artikel auf der Internet-Seite der Zeitschrift
- Volltext (pdf) auf der Homepage von Michael Dittmar.

20.07.2011

Sicherheits-Leitfaden für Großveranstaltungen in NRW

Notfallvorsorge: Das Ministerium für Inneres und Kommunales (MIK) des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) hat einen Leitfaden für die sicherheitstechnische Behandlung von Großschadensereignissen herausgegeben.

In dem Leitfaden werden sicherheitsrelevante Schritte für die Planung, Genehmigung, Durchführung und Nachbereitung von Großveranstaltungen geregelt. Wird im Rahmen der Planung ein erhöhtes Gefährdungspotenzial durch die Veranstaltung festgestellt, muss der Veranstalter ein umfangreiches Sicherheitskonzept vorlegen, welches mit diversen Gremien abgestimmt werden muss.

Der vorliegende Leitfaden hat allerhand Schwächen. Das Verfahren ist bürokatisch (Bestimmung einer federführenden Stelle (von wem?), welche wiederum eine zentrale genehmigende Stelle bestimmt etc.), und das Dokument trägt handwerkliche Fehler (keine Angaben zu Autor, Datum oder Version, Besprechungsdaten sind falsch zitiert). Die Frage wer welche Kosten zu tragen hat wird nicht behandelt. Auch fragt man sich, wie der Veranstalter sinnvoll eine "Ablaufbeschreibung zu besonderen Lagen (Massenanfall von Verletzten, Unwetter, Feuer, Bombendrohung, Überfüllung usw." erstellen soll. Es entsteht der Eindruck, dass hier mit heißer Nadel gestrickt wurde.

Sinnvoll erscheint dagegen die obligate, detailliert geregelte Nachbereitung von Großveranstaltungen zum Zwecke der Qualitätssicherung.

Quellen / weiterführende Informationen:
- Leitfaden des MIK für die Planung, Genehmigung, Durchführung und Nachbereitung von Großveranstaltungen im Freien mit erhöhtem Gefährdungspotenzial vom 13.07.2011
- Homepage des MIK zur Genehmigung von Großveranstaltungen

Verwandte Beiträge:
- DINK 2011: Erfahrungen von der Loveparade 2010 (15.03.2011)
- Alle Artikel der Rubriken Notfallvorsorge und Führung und Taktik

15.03.2011

DINK 2011: Erfahrungen von der Loveparade 2010

Kongressbericht: Im Rahmen des Dt. Interdisziplinären Notfallmedizin Kongress (DINK) berichtete Dr. Marx von seinem Einsatz bei der Loveparade 2010 in Duisburg. Er referierte über die Vorplanungen für die Bereiche Sanitätsdienst und Krankenhäuser, den Großeinsatz im Tunnel und die Erkenntnisse für zukünftige Veranstaltungen.

Zunächst sprach Dr. Frank Marx, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst beim Feuerwehr- und Zivilschutzamt Duisburg, in seinem didaktisch und inhaltlich sehr guten Vortrag über die außerklinischen Planungen für die Loveparade (LOPA). Die Einsatzleitung wurde im Stabsformat aufgestellt, Einsatzabschnitte waren neben der medizinischen Versorgung der LOPA die Verstärkung des Regelrettungsdienstes der Stadt, der Brandschutz und der Abschnitt Versorgung. Drei Lagen wurden beplant: 1. LOPA ruhig und restliche Stadt ruhig. 2. LOPA ruhig, MANV in der Stadt. 3. MANV auf der LOPA, Stadt ruhig.

Am LOPA-Gelände und auf den Zuwegen wurden 40 Sanitätsstationen aufgebaut. Im LOPA-Bereich wurde ein Behandlungsplatz (BHP)-50 und ein Betreuungsplatz (BTP)-500 vorgehalten, in sekundärer Bereitstellung abseits des Geländes standen nochmals 4 BHP-50 und 4 BTP-500 bereit. Insgesamt waren ca. 1600 Einsatzkräfte im Bereich der LOPA und nochmal 2400 Kräfte in Bereitstellung vorhanden, darunter auch 12 Kräfte der Psychosozialen Unterstützung.

Im Vorfeld wurde versucht mit den Krankenkassen eine erweiterte, pseudostationäre medizinische Versorgung am Gelände zu vereinbaren, um Krankenhaustransporte zu vermeiden. Hierfür wurden Kosten von 50.000 € veranschlagt. Dies wurde von den Kostenträgern abgelehnt. Im Verlauf der Veranstaltung wurden ca. 450 Personen vom Rettungsdienst ins Krankenhaus transportiert, was den Kassen jeweils Kosten von ca. 1.200 € = 540.000 € verursachte. Hier sollte wohl bei künftigen Großveranstaltungen ein neuer Verhandlungsversuch unternommen werden.

Lobend erwähnte der Referent die exzellente Zusammenarbeit und die Vorbereitungen seitens der Krankenhäuser. Die Versorgungskapazitäten wurden erheblich erhöht, teilweise wurden Versorgungsstationen in Zelten vorgehalten. Überregional standen so ca. 700 zusätzliche Krankenhausbetten zuzüglich entsprechendes Personal zur Verfügung.

Dann berichtete Dr. Marx von seinem Einsatz als LNA bei dem Unglück im Tunnel ohne auf die Entstehung einzugehen. Sein erster Eindruck beim Eintreffen waren sechs laufende Reanimation im Bereich des Tunnels. Der Tunnel selbst konnte innerhalb von 20 Minuten geräumt werden, so dass Rettungsfahrzeuge direkt einfahren konnten. Die Sichtung wurde mit Hilfe von Patientenanhängekarten durchgeführt. Es bildeten sich spontan einige Patientenablagen im Schadensbereich. Rote Patienten wurden von dort direkt in die Krankenhäuser transportiert, gelbe und grüne zunächst zum aufgebauten BHP gebracht. Nach etwa 2,5 Std. war der Einsatz abgearbeitet.

Am Ende der Veranstaltung wurden 5.600 Patientenkontakte und 575 Krankenhaustransporte registriert.

Der 2. Deutsche Interdisziplinäre Notfallmedizin Kongress (DINK) fand vom 24. bis 26.02.2011 in Wiesbaden statt. Homepage: www.dink2011.de.

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05.03.2011

DINK 2011: PSU-Aspekte von Amoklagen in Schulen

Kongressbericht: In der Sitzung "Großschadenlage/Amoklage" auf dem DINK 2011 sprach Frank Waldschmidt aus Barsinghausen über Aspekte der psychosozialen Unterstützung nach schulischen Amoklagen am Beispiel von Winnenden und Sankt Augustin.

Nach terrorartiger schulischer Gewalt leiden nicht nur die unmittelbar Betroffenen: Nach dem Amoklauf von Winnenden waren auch bei Schülerinnen und Schüler benachbarter, nicht-betroffener Schulen akute Belastungsreaktionen zu verzeichnen. Bei den Polizeikräften stieg die Nachfrage nach PSU um etwa 70 %.

Waldschmidt führte seine Erkenntnisse am Beispiel Sankt Augustin in Nordrhein-Westfalen aus: Im dortigen Schulzentrum (Haupt-, Realschule und Gymnasium in einem Gebäudekomplex, 1400 Schüler) brachte am 11.05.09 eine 16-jährige Gymnasiastin einen Rucksack mit 10 Molotow-Cocktails, einer Gaspistole und einem Messer auf eine Toilette und begann sich zu vermummen. Dabei wurde sie von einer anderen Schülerin beobachtet. Bei dem folgenden Kampf wurde diese an der Hand verletzt, flüchtete sich ins Sekretariat. Die Täterin tauchte unter. Im Rahmen der Vorbereitung hatte sie sich auch Schlüssel für die Klassenzimmer besorgt um die Abwehrtaktik der Schule zu durchbrechen, welche in Einsperren im Klassenzimmer bestand.

Bei dem folgenden Amokalarm waren allein auf Polizeiseite u.a. drei Hundertschaften und ein SEK im Einsatz. Da die mutmaßliche Täterin nicht gefunden werden konnte mussten die Schüler über etwa drei Stunden im Klassenzimmer verharren.

Der Einsatzschwerpunkt des Rettungsdienstes lag auf der PSU: Hierfür wurde ein eigener Einsatzabschnitt gebildet und mit einem Fachberater für schulische Krisenintervention ausgestattet. Die Einsatzkräfte waren v.a. im Wartebreich der Eltern, am Evakuierungspunkt und bei der Zusammenführung von Eltern und Kindern tätig.

Auch nach Abschluss des Akuteinsatzes wurden die Betreuungsangebote wie PSU-Hotline, Elternbrief und persönliche Gespräche aufrecht erhalten. Besondere Aufmerksamkeit wurde den Personen mit dem höchsten Traumatisierungsrisiko gewidmet: Der Opferklasse, der Täterklasse, einer nach Hilferufen vom SEK eilig evakuierten 5. Klasse, Hausmeister und Sekretärinnen.

Unverständnis äußerte der Referent für die Diskrepanz zwischen dem Vorbeugungsaufwand für den Brandschutz und den für Amoklagen, obwohl hierbei deutlich mehr Schüler zu Schaden kamen als bei Schulbränden.

Der 2. Deutsche Interdisziplinäre Notfallmedizin Kongress (DINK) fand vom 24. bis 26.02.2011 in Wiesbaden statt. Homepage: www.dink2011.de.

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08.02.2011

Verteilungsgerechtigkeit in der Pandemie

B-Gefahren: Ein interessanter Artikel im Deutschen Ärzteblatt vom 28.01. thematisiert Aspekte der Triage sowie der Rationierung und Priorisierung der Resourcenverteilung im Pandemiefall.

Annegret Schoeller und Christoph Fuchs von der Bundesärztekammer greifen in ihrem Beitrag "Triage bei Influenza: Wer kann versorgt werden?" wichtige ethische und taktische Aspekte der Verteilung bei Resourcenknappheit auf. Bisher fehlt in Deutschland eine gesetzliche Regelung, wer im Falle von Seuchen in welcher Reihenfolge geimpft oder behandelt werden soll.

Lediglich der nationale Pandemieplan gibt eine Prioritätenliste bei der Impfung vor: Zunächst sollen medizinisches, rettungsdienstliches und Feuerwehrpersonal, dann Polizei, Ordnungsbehörden und Entsorgungsunternehmen, dann weiteres Personal des Katastrophenschutzes, gefolgt von Personen mit Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf und zuletzt der Rest der Bevölkerung geimpft werden. Diese Regelung hat aber keine Gesetzeskraft.

Als stragtegische Ziele für ein weiträumiges Seuchengeschehen werden folgende Punkte herausgearbeitet:
- Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems, kritischer Infrastruktur und der öffentlichen Ordnung
- Verhinderung weiterer Ansteckung durch Einschränkung der Bewegungsfreiheit
- Transparenz und Dokumentation der Maßnahmen für eine spätere Überprüfung
- Verteilung der Resourcen nach Regeln, die einen maximalen Nutzen für die Gemeinschaft als Ganzes sicherstellt. Die Rechte Einzelner müssen u.U. für diesen Zweck beschnitten werden.

Was ich bei diesen Ausführungen vermisst habe ist die Forderung, bereits vor dem Ausbruch einer Pandemie oder anderen Massenerkrankung durch entsprechende Vorbereitung und Vorhaltung die Periode bei der von der gewohnten Individualversorgung abgewichen werden muss so kurz wie möglich zu halten.

Verwandte Beiträge:
- Hygiene-Empfehlungen bei Influenza (27.08.2010)
- Triage-Methoden in der Notaufnahme (12.01.2011)
- Alle Artikel der Rubrik B-Gefahren

Quelle:
Dt. Ärzteblatt 2011 (108) B117 (kostenloser Volltext: html / pdf)

12.01.2011

Triage-Methoden in der Notaufnahme

MANV: Sichtung und Priorisierung sind zentrale taktische Maßnahmen beim Massenanfall von Verletzten. Doch auch im täglichen Geschäft der Notaufnahmen wird immer häufiger eine Triage durch speziell geschulte Pflegekräfte durchgeführt. Ein Artikel im Deutschen Ärzteblatt gibt einen Überblick über gängige Methoden der Patientenbeurteilung.

Das Patientenaufkommen in der Notaufnahme ist nicht planbar, so dass mit Siutaionen gerechnet werden muss bei denen das Patientenaufkommen die Behandlungskapazität übersteigt. In diesen Situationen muss eine Behandlungsreihenfolge nach Dringlichkeit festgelegt werden, durch eine Triage. Immer mehr wird diese Aufgabe an speziell trainierte Pflegekräfte delegiert.

Die Triage durch Pflegekräfte wird in der Regel standardisiert anhand strukturierter klinischer Skalen durchgeführt. Dabei unterscheidet man 3- von 5-stufigen Skalen, wobei sich die 5-stufigen als überlegen heraus gestellt haben. Anders als bei der präklinischen Sichtung sind nicht die gestörten Vitalfunktionen das einzige Kriterium, sondern Faktoren wie Schmerz oder vermuteter Ressourcenbedarf spielen ebenfalls eine Rolle. Teilweise sind diese Skalen sehr komplex und erfordern eine rechnergestütze Abfrage. Andere Instrumente wiederum sind recht einfach gehalten.

Verknüpft mit der Einstufung der Dringlichkeit sind oft Fristen bis zu deren Ablauf der Arztkontakt bzw. die definitive Untersuchung und Behandlung zu erfolgen hat.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt 2010 (107) 892-8

15.12.2010

Stufenanschlag in Stockholm

TerrorismusTerrorismus: Am vergangenen Samstag wurde Stockholm von zwei terroristisch motivierten Bombenattentaten heimgesucht, bei denen glücklicherweise vergleichsweise geringe Schäden entstanden sind. Aus Sicht der Gefahrenabwehr tückisch war die Ausführung als Stufenanschlag.

Nach bisherigen Erkenntnissen brachte der Attentäter zunächst einen Sprengsatz in seinem abgestellten Fahrzeug zur Explosion. Wenig später detonierte dann eine Bombe die der Terrorist an seinem Körper trug, etwa 200 m entfernt vom ersten Schadensort.

Aus einsatztaktischer Sicht hat der Täter somit zunächst einen stationären primären Sprengsatz gezündet, gefolgt von einer sekundären Explosion durch eine mobile, am Körper des Attantäters getragene Bombe. Den Ort des zweiten Anschlags konnte er dadurch theoretisch flexibel an die jeweilige Situation anpassen, um den Schaden zu maximieren. Nach Zeitungsberichten gehen die Ermittlungsbehörden davon aus, dass der islamisch motivierte Täter die zweite Explosion in einer nahe gelegenen, belebten Einkaufsstraße oder im Bereich des Bahnhofs auslösen wollte. Genauso ist aber denkbar, dass statt dessen die Bereitstellungs- oder Behandlungsräume der Rettungskräfte, oder Pulks von Schaulustigen getroffen werden sollten. Ein solches Ziel hat er aber zum Glück nicht gefunden, oder die Bombe ist vorzeitig ungewollt hoch gegangen.

Diese Vorgänge unterstreichen die Bedeutung einer angepassten Einsatzstrategie beim Massenanfall von Verletzten bei Terrorverdacht. Statt einer sonst üblichen Konzentration von Patienten und Ressourcen an einem Behandlungsplatz bzw. Bereitstellungsraum, sollte beim Verdacht auf terroristisches Geschehen eine dezentrale Patientenversorgung an mehreren räumlich getrennten Patientenablagen erfolgen. Auch sind größere Bereitstellungsräume sowie Menschenansammlungen an Betreuungsplätzen oder von Schaulustigen an Absperrungen zu vermeiden.

Nicht ganz aus den Augen verlieren darf man auch die Möglichkeit, dass es sich hier um einen Probelauf für einen späteren, größeren Anschlag ähnlicher Machart gehandelt haben könnte (der dann nicht zwangsläufig in Schweden passieren muss...). Es wäre aus Sicht der Terroristen durchaus vernünftig in solchen Probeläufen die Reaktion der Sicherheitskräfte zu testen, um die eigene Strategie zur Schadensmaximierung entsprechend weiterentwickeln zu können.


Mehr zum Thema Terrorabwehr im KatMedBevSchtz-Blog:

02.10.2010

MANV-Ausbildung und -Taktik in Israel: "Was nicht einfach ist funktioniert einfach nicht."

Kongressbericht: Im letzten Beitrag vom Hauptstadtkongress der DGAI möchte ich über ein ergreifendes und faszinierendes Referat von Chaim Rafalowski vom Roten Davidstern Israel berichten. Er gab einen Überblick über die Ausbildung für und das Vorgehen bei der medizinischen Versorgung nach Terroranschlägen.

Ein Video zeigte Impressionen von Einsatzstellen nach Selbstmordanschlägen. Der wohl augenfälligste Unterschied zu Szenarien im eigenen Land dürfte das Chaos an der Einsatzstelle sein. Zahlreiche Einsatzkräfte, Militärangehörige und Zivilisten versuchen den Verletzten zu helfen. Herr Rafalowski erläuterte, dass gar nicht erst versucht würde die Einsatzstelle von hilfsbereiten Unbeteiligten zu räumen, da das aussichtslos sei. Solange noch blutende oder schreiende Opfer vor Ort seien, würde die Bevölkerung ein Verbot zu helfen nicht akzeptieren. Auf meine Frage wie denn so die Beteiligten vor CBRN-Kontamination oder Sekundär-Anschlägen geschützt werden könnten erwiderte er dass man ohnehin nie wüsste ob und wo es zu einem Zweitschlag kommt. Er berichtete von dem Fall eines sekundären Sprengsatzes, der genau hinter der später errichteten Sicherheitsabsperrung entdeckt wurde. Sicherheitsabstand zum Anschlagsort führt unter diesen Umständen also nur zu Scheinsicherheit. Anschläge mit schmutzigen Bomben seien glücklicherweise bisher nicht vorgekommen.

Die israelische Notfallrettung ist ein Paramedic-basiertes System ohne regelhafte ärztliche Beteiligung. Im Großschadensfall übernimmt der ersteintreffende Paramedic die Einsatzleitung und behält diese bis zum Einsatzende, egal wie erfahren oder unerfahren er auch sein mag. Die Sichtung wird von den Paramedics nach dem START-Algorithmus durchgeführt, die Behandlung läuft nach vorgefertigten Behandlungsprotokollen. Auch über das Transportziel entscheiden die Einsatzkräfte vor Ort. Nicht durchgesetzt hat sich bisher ein Patientenkennzeichnungssytem im Sinne von Anhängekarten oder farbigen Bändern. Die Dokumentation wird wie im Routinebetrieb auf Notfallprotokollen geführt, oder auch gar nicht (!).

Rafalowski hat aus seiner Erfahrung heraus einige Lehren gezogen die er recht griffig vorgetragen hat:
- Nur was sich im Routinebetrieb bewährt hat wird auch in der Katastrophe funktionieren
- Was nicht einfach ist wird einfach nicht funktionieren
- Jedermann muss durch Ausbildung auf Katastrophen vorbereitet werden
- Entscheidend ist die Handlungskompetenz, nicht theoretisches Wissen
- Übe, übe nochmal, simuliere, frische auf, und zwar unter realitätsnahen Bedingungen!

20.09.2010

Expertendiskussion: Einsatz von Telemedizin bei MANV

Kongressbericht: Auf dem Hauptstadtkongress HAI 2010 der Dt. Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) vom 16. - 18. September war auch für Katastrophenmedizin-Interessierte einiges geboten. Über ausgewählte Kongressbeiträge möchte ich hier berichten: In einer Expertendiskussion wurde das A.L.A.R.M.-Projekt vorgestellt, ein Vorhaben zur Entwicklung innovativer IT-Lösungen zur Einsatzunterstützung bei Großschadenslagen.

A.L.A.R.M. steht für "Adaptive Lösungsplattform zur aktiven technischen Unterstützung beim Rettten von Menschenleben" und ist ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Feuerwehr, der Klinik für Anästhesiologie der Berliner Charité, dem Telemedizincentrum der Charité und einer ganzen Reihe weiterer Partner. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).

In der Kongresssitzung stellten die Moderatoren Dr. Martin Schultz (Telemedizincentrum) und Dr. Torsten Schröder (Klinik für Anästhesiologie, Charité) zunächst das Projekt vor. Ein wichtiges Werkzeug des Konzepts sind Triage-Module, kleine vernetzte Handheld-Rechner zur Unterstützung der Sichtung. Auf ihnen ist der modifizierte mSTART-Algorithmus hinterlegt. An der Einsatzstelle werden die Sichtungsergebnisse auf Patientenarmbänder elektronisch gespeichert und zudem über ein Wireless Ad-hoc-Netzwerk an die anderen Komponenten übertragen.

Im Anschluss an die Vorstellung diskutierten Prof. Andrea Berghold (Med. Universität Graz), Dr. Hanspeter Bubser (Bundeswehrkrankenhaus Berlin, DGKM), Wilfried Gräfling (Feuerwehr Berlin), Dr. Thomas Helms (Dt. Stiftung für chronisch Kranke), Dr. Jan-Peter Jansen (Schmerzzentrum Berlin) und Pierre Steiger (Björn-Steiger-Stiftung) in einer Podiumsdiskussion das Projekt.

Mehr Informationen über das Projekt gibt es im Internet unter www.alarm-projekt.de.

26.06.2010

Vortrag Einsatztaktik bei MANV

MANV: Am 16.06. fand in den Räumen des BRK Schwandorf eine Notarztfortbildung zum Thema Massenanfall von Verletzten (MANV) statt. Bei dieser Gelegenheit durfte ich einen Vortrag zur rettungsdienstlichen Einsatztaktik bei MANV halten. Diese Präsentation möchte ich in diesem Beitrag allen Interessierten zur Verfügung stellen.

Die Präsentation steht in verschiedenen Formaten zur Verfügung, sowohl als reine Audio-Datei als auch als Video mit dem kompletten Bildschirmmitschnitt:

Nur Audio (KatMedBevSchtz-Audio 2, 54:27 min):
[mp3-Datei, 49,8 MB]

Audio und Folien (52:44 min):
[mit Webplayer]
[ohne Player, Windows Media File, 25,0 MB]
Achtung! Mein web-host gibt dynamische Inhalte nicht zuverlässig wieder. Bei Problemen mit dem Abspielen der Präsentationsdatei bitte nochmal versuchen oder die Windows Media Datei auf den lokalen Computer herunterladen und von dort abspielen (funktioniert nicht mit der Webplayer-Ausgabe).

16.05.2010

MANV-Fortbildung Schwandorf

Aus- und Fortbildung: Am 16. Juni findet in Schwandorf (Bayern) eine Notarzt-Fortbildung zum Thema Massenanfall von Verletzten (MANV) statt.

Die Veranstaltung findet um 19:00 im Lehrsaal des BRK-Kreisverbandsgebäudes in Schwandorf statt. Es sprechen Dr. Michael Dittmar zum Thema Einsatztaktik bei MANV und Dr. Wolfgang Schreiber zu Lehren aus jüngsten MANV-Einsätzen bei Massenkarambolagen.

Die Teilnahmegebühr beträgt 10 €, eine Voranmeldung ist erwünscht (siehe Programmflyer).

Programm: Flyer

30.03.2010

Interview mit LNA zu Massenkarambolage in Schwandorf

LNA Dr. Wolfgang SchreiberAudio: Premiere im KatMedBevSchtz-Blog: Im ersten Audio-Beitrag des Blogs befassen wir uns mit dem Thema MANV. Interviewpartner ist Dr. Wolfgang Schreiber, welcher im vergangenen Winterhalbjahr zwei Mal als Leitender Notarzt zu Massenkarambolagen auf der Autobahn ausrücken musste. Er berichtet uns über seine Erfahrungen bei diesen Einsätzen.

Download des Audiobeitrags: KatMedBevSchtz-Audio_01.mp3 (27:09 min, 24,8 MB)

Notizen zum Audio-Beitrag:

Link zur Massenkarambolage am 06.03.2010:
- Bericht der Rettungsleitstelle Amberg (Nicht mehr verfügbar).

Links zum Massenunfall am 18.10.2009:
- Einsatzbericht von LNA Dr. Schreiber auf KatMedBevSchtz-Blog.
- Bericht der Rettungsleitstelle Amberg (nicht mehr verfügbar).

23.01.2010

Massenkarambolage auf der Autobahn

Einsatzbericht: LNA Dr. Wolfgang Schreiber aus Teublitz berichtet über einen MANV-Einsatz.

"Am 18.10.09 ereignete sich auf der A93 bei Teublitz eine Massenkarambolage mit nach erster Sichtung 24 Verletzten und Betroffenen.

Die Einsatzstelle erstreckte sich über ca. 220m, was die Übersicht erschwerte. Daher wurden 3 Einsatzabschnitte gebildet und Abschnittleitern eingesetzt: Abschnitt 1 erstreckte sich über 50m am vorderen Ende der Unfallstelle. Hierin befanden sich 3 polytraumatisierte Patienten und ein Patient mit spinalem Trauma. Die Einsatzabschnitte 2 und 3 erstreckten sich über die restliche Einsatzstelle, hierbei lag der Schwerpunkt auf dem Management der leicht- und unverletzten Personen.

Durch den LNA wurde nach Eintreffen eine Erstsichtung durchgeführt und nach 7 Min. die erste Lagemeldung abgesetzt (3x Polytrauma, 1x schwer, 1x mittel, 3 verletzte Kinder, 4x leicht, 12 unverletzt Betroffene). Bewährt hat sich hierbei die Markierung der gesichteten Personen mit schwarzem permanentem Faserstift am Handrücken durch den sichtenden LNA (rechte Hand laufende Nummer in arabischen, links Sichtungsgrad in römischen Ziffern). Dadurch wurde den nachrückenden Kräften eine Identifizierung von noch ungesichteten Patienten ermöglicht. Außerdem konnte später eine einfache Zuordnung der Sichtungsnummern auf die entsprechenden Rettungsmittel erfolgen. Triage-Anhängekarten kamen nicht zum Einsatz.

Durch die faktische Vollsperrung der Autobahn konnten die 2 angeforderten RTH am „Kopf“ der Einsatzstelle auf der Fahrbahn landen und ein Polytrauma sowie einen Patienten mit spinalem Trauma aufnehmen. Die beiden anderen polytraumatisierten Patienten waren bereits reanimationspflichtig und verstarben an der Unfallstelle.

Erschwert wurde der Einsatzablauf durch das permanente Nachrücken weiterer RTWs in den Einsatzbereich. Hier wäre es sicher hilfreich gewesen, an den benachbarten Anschlussstellen Bereitstellungsräume zu schaffen und die Rettungsmittel erst auf Anforderung der SAN-EL bedarfsgerecht in die Einsatzstelle ein- und wieder ausfahren zu lassen. Als weitere praktikable Lösung (Einsatzszenario “Röhre“!) hätte sich auch die Durchtrennung der Mittelleitplanke mit Zuführung von Rettungskräften über die gesperrte Gegenfahrbahn angeboten. Hiervon wurde Abstand genommen, da die Patienten in den weiter hinten liegenden Abschnitten nur leicht verletzt waren. Beim Vorliegen von Patienten mit hoher Transportprioriät in weiter hinten liegenden Einsatzabschnitten wäre ein Abtransport über die Gegenfahrbahn unumgänglich gewesen.

Im Laufe des Einsatzes wandelte sich dieser vom Akutbehandlungs- zum Betreuungseinsatz. So war es bald erforderlich, sich Gedanken über die Nachführung von Kriseninterventions-, SEG-SAN und SEG-Betreuungseinheiten zu machen. Schließlich wurden die betroffenen Personen zu einer Sammelunterkunft im FW-Gerätehaus Teublitz transportiert. Dort konnten sich die Betroffenen abholen lassen. Es erfolgte eine Nachsichtung durch den LNA (es wurden noch 2 Patienten mit HWS-Schleudertrauma bzw. Commotio zur ambulanten Diagnostik überwiesen!). Nach 6 Std. konnte der Einsatz beendet werden."

Falls auch Sie einen aus taktischer Sicht interessanten Einsatzbericht einstellen wollen, schicken Sie ihn mir per E-Mail!